Staatstheater Meiningen
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»Alte Sorgen« am Puls der Zeit, Uraufführung von Maria Milisavljević

Es herrscht eine fröhlich-aufgeregte Stimmung an jenem Dezemberabend auf der kleinen Probebühne des Staatstheaters Meiningen. Probenbeginn zu „Alte Sorgen“, dem neuesten Stück der Autorin Maria Milisavljević. Zum ersten Mal findet das ganze Team zusammen. Mit dabei: die Autorin!

Für Anna Stiepani, die schon am Bochumer Schauspielhaus und am Wiener Burgtheater inszeniert hat, ist es die erste Regiearbeit am Staatstheater Meiningen. Auch Bühnen- und Kostümbildnerin Thurid Peine ist ein neues Gesicht für die Theaterstadt. Ungewöhnlich ist diese Konzeptionsprobe aber vor allem, weil die Autorin des Stücks anwesend ist: Maria Milisavljević, deren Stücke auch auf Bühnen wie dem Residenztheater München oder dem Burgtheater Wien uraufgeführt wurden, hat sich von Berlin aus auf den Weg nach Meiningen gemacht.

Bei der Leseprobe sitzen die Schauspieler:innen am Tisch und lesen aus dem Textbuch ihre jeweiligen Rollen. Regieassistent Enno Hesse stoppt die Zeit – die jedoch nur einen ungefähren Anhaltspunkt für die Länge des Theaterabends bietet, denn es finden ja keinerlei szenische Aktionen statt. Schon jetzt, bei dieser ersten Lesung, kristallisieren sich jedoch Figuren, Szenen, Stimmungen heraus. Regisseurin Anna Stiepani verfolgt den Text am Laptop, tippt während des Zuhörens kurze Notizen. Milisavljević selbst hat kein Textbuch vor sich, sie kennt ihren eigenen Text, hört sehr aufmerksam zu, lauscht dem Klang der Worte aus dem Mund des Ensembles.

Basierend auf autobiografischen Erlebnissen und Erfahrungen, rückt die Autorin eine Figur ins Zentrum des Geschehens, die allzu oft eine Randerscheinung in unserer Gesellschaft spielte und durch die Covid-Pandemie in den Blickpunkt des Interesses geriet: eine Pflegerin. Kathrin, so heißt die Hauptfigur, ist eine erfahrene Pflegekraft, die sich ihrer Aufgabe, für andere da zu sein, mit voller Hingabe widmet. Sie vernachlässigt die eigene Familie, hat weder Hobbys noch Freunde. Nach Dienstschluss besucht sie verstorbene Patient:innen an deren Grab. Schließlich droht sie an ihrer eigenen Überforderung zu zerbrechen.
Milisavljević erzählt die Geschichte der Pflegerin Kathrin aauf der Folie des Schauspiels „Woyzeck“ von Georg Büchner. Woyzeck und Kathrin, beide werden Opfer eines grausamen, unmenschlichen Systems. Und so wie seinerzeit Büchner prangert heute die junge Dramatikerin soziale Schieflagen an, freilich mit einem anderen Gestus und Impetus.

Das Besondere an Milisavljevićs Theatertext sind all jene Passagen, in denen Raum für Poesie, für Phantasie ist. Da tauchen allegorische Figuren auf, etwa der Nebel und der Schatten, da verschafft sich ein Krankenbett Gehör, und da erhält auch die Luft eine Stimme. Kunstvoll verwebt der Text die Ebene des Realen mit der des Irrealen. Leben verschmilzt mit Tod. Der Text wurde noch vor Corona begonnen. Und doch flossen die gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen, die die Pandemie mit sich brachte, unweigerlich in das Stück ein. Die Einsamkeit des Sterbens, die Hilflosigkeit der Angehörigen, all das wird thematisiert und theatral überhöht.

Am Ende der Leseprobe herrscht ein ungewöhnlicher Konsens: Alle sind begeistert von dem wunderbar fein gesponnenen, humorvollen, eindringlichen Text. Maria Milisavljević nimmt das große Lob bescheiden entgegen und kündigt an, auch im weiteren Verlauf der Proben mal wieder vorbeizuschauen. Und natürlich ist sie bereits sehr gespannt auf ihre erste Meininger Premiere!

Olaf Roth, Schauspieldramaturg


Termine und Tickets


„Alte Sorgen“
Uraufführung von Maria Milisavljević
Regie: Anna Stiepani · Bühne, Kostüme: Thurid Peine · Dramaturgie: Olaf Roth · Mit: Evelyn Fuchs, Miriam Haltmeier, Carmen Kirschner, Emma Suthe, Christine Zart; Gunnar Blume, Renatus Scheibe

Premiere: SA, 28.01., 19.30 Uhr
weitere Termine: 31.01., 05.02., 24.02., 04.03., 17.03., 14.04., 24.05.2023 – Kammerspiele