Staatstheater Meiningen
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"Lohengrin" Im Zeichen von Revolution, Umsturz und Neubeginn

Meiningen wagnerisch! Nach dem „Fliegenden Holländer“ feierte „Lohengrin“ am 22. und 24. April 2022 Premiere im Großen Haus! Als Senta im „Holländer“ und Charlotte in „Santa Chiara“ konnte Lena Kutzner bereits überzeugen. Nun debütiert sie als Elsa von Brabant. In der Rolle des Gralsritters Lohengrin sind die Tenöre Michael Siemon und Magnus Vigilius zu erleben. In den Premieren hören und sehen Sie den Jugendlichen Heldentenor Magnus Vigilius aus Kopenhagen, der u. a. als Siegmund an der Den Ny Opera in Esbjerg auftrat und Debüts am Teatro di San Carlo in Neapel, an der Leipzig Oper und den Bayreuther Festspielen (2020) vorweisen kann. Die Inszenierung übernimmt der ehemalige Intendant des Staatstheaters Ansgar Haag.

Fälschlicherweise des Brudermordes angeklagt, steht Elsa im Zentrum des Erbstreites um den Herrschaftsbereich Brabant. Vor seinem Tod bestimmt der Herzog Telramund zum Vormund seiner Kinder, Gottfried und Elsa, und verspricht ihm die Hand seiner Tochter. Doch diese verschmäht ihn. Indes versucht Ortrud, Nachfahrin des Friesenfürsten Radbod, das Machtvakuum im mittelalterlichen Antwerpen für ihre eigenen Herrschaftsambitionen zu nutzen. Sie behauptet, Elsas Mordtat mit eigenen Augen gesehen zu haben. Ein Gottesgericht soll Klarheit schaffen. Da erscheint ein fremder Ritter. Er erklärt sich bereit, Elsas Ehre zu verteidigen. Allerdings bindet der mysteriöse Retter seine Hilfe an eine Bedingung, das berühmte Frage-Verbot: „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art!“ Gefangen in ihrem voraufklärerisch-christlichen Glauben, lässt sich Elsa auf dieses Gebot ein.

Regisseur Ansgar Haag, Bühnenbildner Dieter Richter und Kostümbildnerin Kerstin Jacobssen versetzen die mittelalterlich-märchenhafte Sagenwelt in die Entstehungszeit der Oper Richard Wagners, in die Zeit des Vormärzes und der Revolution (1848/49). Das Scheitern des Frankfurter Paulskirchenparlaments steht assoziativ für den Beginn der Handlung. Dabei interpretiert Regisseur Ansgar Haag die Figur der Ortrud anders als Wagner, für den das „politische Weib“ vor allem reaktionär und angsteinflößend „grauenhaft“ ist, vielmehr modern und emanzipatorisch. Sie stellt die Omnipotenz Lohengrins infrage und säht in Elsa Zweifel – nicht abwegig bei dieser zeitlichen Einordnung, waren doch neben Männern bereits Frauen Mitte des 19. Jahrhunderts politisch unter den Revoltierenden aktiv.

Der Geist der Französischen Revolution sprang auf die Aufbegehrenden im Vielvölkerstaat Deutschland über; unter ihnen auch Wagner. Im Dresdner Maiaufstand forderte er neben Michail Bakunin und Gottfried Semper die Ausrufung einer deutschen Republik. Doch die Revolution scheiterte und der Komponist wurde steckbrieflich gesucht. „Lohengrin“ wurde in Abwesenheit seines Schöpfers am 28. August 1850 in Weimar uraufgeführt. Das Dirigat übernahm Freund und Hofkapellmeister Franz Liszt, der keine vier Jahre später die unlängst in Meiningen aufgeführte „Santa Chiara“ von Herzog Ernst II. aus der Taufe hob. Während der „Lohengrin“-Premiere befand sich der exilierte Wagner im Luzerner Gasthaus „Zum Schwan“ – ohne Zweifel ein passender Ort, die Uraufführung seiner Schwanenoper mit Uhr und Partitur in der Hand auf die Minute genau zu verfolgen.

Die Schweiz hinterließ bei Wagner mit ihren mystischen Naturschönheiten, tiefen Seen und hohen Bergen bleibenden Eindruck; inspirierte ihn sogar zu seinem Ring-Zyklus. Die Musik des „Lohengrin“ verarbeitet gleichfalls Natureindrücke aus Wagners Sommeraufenthalt (1846) in Graupa. In dem Sinne sorgen die malerischen Nachbildungen Caspar David Friedrichs („Felsenriff am Meeresstrand“) und Arnold Böcklins („Die Toteninsel“) in Form zweier Prospekte für ein Wagner-typisches Naturkolorit. Im Gewand revolutionärer Umbruchszeit und politischer Neuordnung erwartet Sie Romantik und Moderne, auch in Bezug auf die Kostüme: „Mit meinen Kostümentwürfen schlage ich einen Bogen von der Wagnerzeit bis heute unter der Berücksichtigung narrativer Akzente und ästhetischer Empfindung auf musikalischer und visueller Ebene.“ – so Kostümbildnerin Kerstin Jacobssen.

Julia Terwald, Musiktheaterdramaturgin

 

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