27. März: Welttheatertag 2026
Mina Salehpour und Faramarz Ramezanian über Kunst in Kriegszeiten
Beide Regisseur:innen stammen aus Teheran: Mina Salehpour lebt seit ihrer Kindheit in Deutschland und inszeniert aktuell „Anthropolis“ von Roland Schimmelpfennig in Oslo. Faramarz Ramezanian befindet sich im türkischen Exil. Er war im Iran im Gefängnis und verfolgt die Bombardierung seiner Stadt aus der benachbarten Ferne.
„Und wieder sitze ich auf einer Probebühne und inszeniere einen Text über Widerstand, Flucht, Krieg. Und parallel dazu lese ich in den Pausen Nachrichten aus und über den Iran, Nachrichten von meiner Familie.
Wieder werde ich gefragt, wie kannst du dich da auf Theater konzentrieren? Die Wahrheit aber ist, wie könnte ich da ohne das Theater existieren? Wie froh ich bin, dass ich mich auf einer Probebühne verstecken kann, für einige Stunden. Raus aus den Wirklichkeiten, hinein in die Möglichkeiten.
Nach meiner Probe gucke ich andere Vorstellungen am Haus an, egal, was gespielt wird, ich gehe ins Ballett, in die Oper oder sitze einfach in der Kantine und spreche über Theater. Wie froh ich bin.
Einer, der die Zuflucht der Arbeit verloren hat, ist mein Teheraner Freund und Kollege, der Regisseur Faramarz Ramezanian, der seit seiner Verhaftung während der Bewegung #womanlifefreedom im Iran Berufsverbot hat. Ich habe ihn gebeten, etwas zum Welttheatertag beizutragen.“ – Mina Salehpour
Mina Salehpour © Andreas Schlager
Botschaft von Faramarz Ramezanian
„Mit meinem Zeigefinger verfolge ich einen gelbroten Stern, der sich vom Westen über den Himmel zieht. Er erreicht den Osten der Stadt und explodiert dort am Boden. Obwohl der Einschlagsort weit entfernt von mir ist, kann ich von hier aus das Feuer sehen. Am nächsten Tag heißt es in den Nachrichten: Bei einer erfolgreichen Operation wurde ein hochrangiger Militär getötet. In kleinerer Schrift darunter: Es starben elf Zivilisten, darunter ein Kind.
Ich hatte einmal ein Studio im Stadtzentrum von Teheran. Stühle, Bücherregal, Esstisch, fast alles hatte ich aus Holzbrettern gebaut, die auf die Straße gestellt worden waren. Bretter, die niemandem etwas Wert waren – wie Geschichten, die keiner hören will, weil sie wie Klischees klingen. Als das Studio endlich fertig ausgestattet war, waren die Räume so voll, dass ich schließlich im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen musste.
An dem Tag, an dem ich wegen Kritik an einer hochrangigen politisch-religiösen Persönlichkeit verhaftet wurde, arbeitete ich gerade an Ibsens Die Wildente. Bereits zwei Jahre hatte ich mich mit diesem Projekt beschäftigt. Ich wurde verhaftet, kam ins Gefängnis, erhielt Berufsverbot und musste schließlich das Studio schließen, für das ich so hart gearbeitet hatte. Unter dem Druck der Umstände verließ ich nach meiner Freilassung mein Land.
Ein weiterer roter Stern zieht über den Himmel und landet vermutlich irgendwo im Stadtzentrum.
Vor ein paar Tagen schickte mir ein Freund aus dem Iran ein Foto meines ehemaligen Studios. Eine Rakete hatte es zerstört. Offenbar ist ein rötlichgelber Stern des Friedens in der falschen Straße gelandet. Ich wäre gerne dorthin zurückkehrt, um wenigstens die Blumentöpfe, die ich meinem Nachmieter geschenkt hatte, aus den Trümmern zu holen.
Wir brauchen eine Art inneren Zufluchtsort, um diese Welt ertragen zu können.
Kunst bietet die Möglichkeit einer solchen Illusion.
Kunst bedeutet, eine Bühne zu bauen, auf der ein Stück Holz auf einem menschlichen Stuhl sitzen und von seinen Träumen erzählen kann.
Kunst ist kein Frieden – sie ist Krieg.
Ein Krieg gegen Wirklichkeiten, die sich nicht verdauen lassen.
Ein Krieg gegen Wirklichkeiten, die man nicht verdauen sollte.
Heute habe ich kein Studio mehr. Wenn ich jetzt durch Wälder oder Straßen gehe, suche ich immer noch nach Ästen, Holzstücken oder Brettern. Ich nehme sie mit zu stummen Proben und übe mit ihnen Die Wildente ein. Morgen proben wir die Stelle aus dem Stück, an dem Gregers Werle sagt: Wenn sie einem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge nehmen, so bringen sie ihn gleichzeitig um sein Glück.“
– Faramarz Ramezanian
Der 1987 in Teheran/Iran geborene Theater- und Filmregisseur Faramarz Ramezanian lebt nach Verfolgung und Inhaftierung durch das iranische Regime im Exil in der Türkei. Seit er denken kann, hatte er nie ein eigenes »Zuhause«, da er jahrelang innerhalb des Iran wie ein Nomade umherzog. Vielleicht ist das der Grund, warum die Geschichten, die er erzählen möchte, auf der Straße spielen – fern vom Schutz und der Geborgenheit eines Zuhauses. Schon früh entwickelte er ein Interesse an visueller Kunst, studierte Architektur und Grafik und schloss einen Master in Film ab. Anschließend arbeitete er einige Jahre in der iranischen Theaterszene, wo er verschiedene Stücke schrieb und inszenierte. Seine Theaterarbeiten wurden mit mehreren nationalen Preisen ausgezeichnet und von Kritik wie Publikum gleichermaßen gewürdigt.
Quelle: Deutscher Bühnenverein, Bundesverband Theater Orchester