Logo Staatstheater Meiningen
Menü

„Historia von D. Johann Fausten“: Was sie schon immer über dieses Werk wissen wollten ...

 Mateusz Ługowski als Doktor Johann Faustus, Foto: Christina Iberl
© Christina Iberl
Mateusz Ługowski als Doktor Johann Faustus, Foto: Christina Iberl

Worum geht es? Was sehen wir? Welche Herausforderungen stellt die Oper an das Ensemble? 
Dramaturg Dr. Matthias Heilmann beantwortet diese Fragen gerne und stimmt Sie auf Ihren Besuch der Oper von Alfred Schnittke ein. 
Viel Freude beim Lesen!

Um was geht’s?

Ein Erzähler und das Volk schildern das Leben von Faust, einem Doktor der Theologie, Medizin, Mathematik und Astrologie. Faust hat sich Ansehen erworben, aber durch Lust am Spekulieren den Teufel beschworen. Mephostophiles will Faust die Geheimnisse der Welt und seiner Gestirne offenbaren unter der Bedingung, dass Faust allem Menschlichen Feind sein muss. Nach Ablauf einer Frist von 24 Jahren muss er zudem seine Seele dem Teufel überlassen. Faust fühlt die Sehnsucht nach einer Frau. Sein Vertrag verbietet ihm jedoch, einen Menschen zu lieben. Faust spürt, dass er den Vertrag nicht erfüllen kann. Der Erzähler berichtet weiter, dass Faust durch den Teufel Hölle und Himmel erlebt, doch der Einblick ins Paradies wird ihm versperrt. Die Erscheinung der Helena, Inkarnation der Schönheit und Vollkommenheit, kann Faust nicht an sich binden. Erzähler und Volk berichten weiter, wie Faust sich vor Ablauf der Frist von seinen Studenten verabschiedet und das Ende seines irdischen Lebens offenbart. Sein Leib und seine Seele gehören dem Teufel. Die Gemeinde schildert Fausts grässliches Ende.

Was sehen wir und warum?

Die Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr beginnt in der Originalzeit von 1587, später landen wir im Heute und Jetzt. Die Zuschauer erleben, wie sich das Verhältnis zum Mythos Faust über die Jahrhunderte verändert: vom Außenseiter und Schwarzmagier des Spätmittelalters beziehungsweise der frühen Neuzeit zum Ausnahmemenschen und Titanen der Aufklärung und Romantik bis hin zum Sündenbock, der symbolisch über die Zeiten hinweg bis heute geopfert wird. 

Was macht das Stück besonders? Warum wurde es ausgesucht?

Seit der Uraufführung in Hamburg 1995 wurde das Werk nicht mehr auf deutschen Bühnen neuinszeniert, obwohl Alfred Schnittke der bedeutendste Komponist der Sowjetunion nach Dmitri Schostakowitsch ist. Schnittke war bei der Fertigstellung der Partitur allerdings schwer krank. Das Werk hat den Charakter des Unvollendeten, sodass das Staatstheater Meiningen (vertreten durch Regisseurin Eva-Maria Höckmayr, GMD Killian Farrell und Dramaturg Matthias Heilmann) eine eigene Fassung erstellt haben, mit Umstellungen und Kürzungen sowie der Einfügung des Konzertes für Viola und Orchester von Alfred Schnittke – selbstverständlich alles in Absprache mit dem Verlag Sikorski und deren Mitwirkung.

Gibt es eine gesellschaftliche oder politische Relevanz? 
Wie werden historische oder aktuelle Bezüge verarbeitet?

Jede Menge gesellschaftliche Relevanz! „Faust“ wurde durch Goethe zu einem Mythos des deutschen Gelehrten, Künstlers und Wissenschaftlers, der die Fesseln der Tradition sprengt.  Bis in die Gegenwart hat Literaten und Opernkomponisten (Schumann, Spohr, Berlioz, Gounod, Boito, Busoni und eben Schnittke) dieser Stoff fasziniert. Bei Schnittke ist allerdings nicht Goethe, sondern das Volksbuch, die „Faust“-Ursaga von 1587, der Bezugspunkt. Darin ist er ein Objekt für eine bestimmte christliche Lehre und wird zum Exempel der Abschreckung für die Gläubigen. Bei Goethe erfährt Faust eine Subjektivierung. Er kann selbst entscheiden und sich selbst erlösen. Im Volksbuch muss er verdammt werden, weil er die Grenzen der Erkenntnis, wie sie die Kirche lehrt, überschritten hat. Das Volksbuch, dem Schnittke wörtlich in seiner Oper folgt, spricht eine eindeutige Warnung vor dem Teufel aus. Schnittke ist dagegen überzeugt, dass ein Künstler den Teufel als Inspirationsquelle braucht. Er wird zu einer Art Versuchung, wie bei Adrian Leverkühn in Manns „Doktor Faustus“. Durch dämonische Infizierung kann die Kreativität gesteigert werden, um den Wesenskern des Menschen zu erfassen und zu gestalten. Auch heute geht es darum: Welche Grenzen bin ich bereit, zu überschreiten, um besser und genialer zu werden und meine Kapazitäten zu sprengen? Die Einzigartigkeit des Genies oder Wissenschaftlers, seine Inspiration und schöpferische Fantasie wird heute zwar nicht mehr als unchristliches Verhalten verurteilt, aber mit anderen Mitteln ausgegrenzt. Im Zeitalter von Fake News, Shit Storms und Massen-Wahn ist die Gefahr von seelenloser Gleichförmigkeit mehr denn je gegeben.

Welche Herausforderungen gibt es für Ensemble und Orchester?

Die Herausforderungen für die Sänger ist, die drei Oktaven zu singen haben – insbesondere für Faust, den Erzähler, die beiden Mephisto-Darsteller und für den Chor – sind enorm. Die extrem epische Form ist zudem schwer zu greifen, Der dritte Akt enthält eine Kantate, die zehn Jahre früher als alles andere komponiert wurde. Der erste Akt wurde von Passionen von Heinrich Schütz inspiriert. Das ist ein sehr alter, deklamatorischer Erzählstil aus dem 17. Jahrhundert, im zweiten Akt haben wir Einflüsse von Rockmusik. Die Vielseitigkeit ist faszinierend, aber dadurch ist eine Furcht vor dem Stück entstanden.

Was unbedingt noch erwähnt werden muss:

Drei Dinge müssen noch gesagt werden: 
1. Die Musik ist eine Mixtur unterschiedlicher Traditionen, Stilebenen und Techniken, die Polystilistik mit heterogenen Klanggesten und Tonbildern genannt wird. Choral und Kirchenorgel steht neben Synthesizer, Cembalo neben E-Bass und Rezitation neben grotesken Gesangspirouetten. Schnittke greift auf frühbarocke, geistliche Musik von Heinrich Schütz zurück, aber auch auf Bach-Choräle. Die Musik ist voller düsterer Parodien. Die Ironie und der Sarkasmus von Schnittkes Partitur machen hörbar, dass die persönliche Tragödie des Johann Faust zur Tragödie der Neuzeit wird.
2. Der Erzähler ist die zentrale Figur, Faust eher ein Objekt, mit dem etwas gemacht wird. Er rahmt nicht nur das Stück (wie ein Erzähler in der Kantaten-Form) ein, sondern lenkt und manipuliert die Wahrnehmung der Menge, was den ganzen Abend in der Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr sehr heutig macht. 
3. Mephostophiles (sic!) wird durch zwei Darsteller verkörpert, einem Countertenor und einem Alt, das heißt der männliche und weibliche Teil haben die gleiche Stimmlage. Dadurch ändert sich die Farbe, aber nicht der Ton. Die teuflische Besessenheit hat zwei verschiedene Seiten des Gleichen.

Weitere Infos + Tickets