Lust auf das Teuflische: Höckmayr inszneniert Schnittke, Farrell dirigiert
GMD Killian Farrell im Gespräch über die Oper „Historia von D. Johann Fausten“
Killian, mit unserer Meininger Neuinszenierung wird Alfred Schnittkes „Historia von Johann D. Fausten“ erstmals wieder seit der Hamburger Uraufführung im Jahr 1995 gespielt. Weshalb war dieses Werk drei Jahrzehnte auf den Bühnen nicht zu sehen?
Die Oper ist sehr schwer zur Aufführung zu bringen. Es sind enorme Herausforderungen für die Sänger, die drei Oktaven zu singen haben. Außerdem ist die Form schwer zu greifen: Der dritte Akt enthält eine Kantate, die zehn Jahre früher komponiert wurde. Der erste Akt wurde von Passionen von Heinrich Schütz inspiriert. Das ist ein sehr alter, deklamatorischer Erzählstil aus dem 17. Jahrhundert. Der zweite Akt wurde von Rockmusik beeinflusst. Durch diese Vielseitigkeit ist eine Furcht vor dem Stück entstanden.
Ist der Oper ihr langer Entstehungsprozess anzumerken? Wie du bereits erwähnt hast, schrieb Schnittke nach der 1983 uraufgeführten Kantate, die zum dritten Akt der Oper wird, die ersten beiden Akte viel später, wenige Jahre vor seinem Tod.
Ja, sein Stil ist viel spartanischer und minimalistischer geworden. Er war nach zwei Schlaganfällen sehr krank, als er die Akte eins und zwei schrieb. Er ging sehr sparsam mit dem Auskomponieren der Töne um, dafür erfährt jeder Ton eine große Bedeutung.
„Faust“ ist durch Goethes monumentale Tragödie populär geworden, aber ähnlich wie „Don Juan“ auch auf der Opernbühne sehr beliebt. Es gibt unterschiedliche „Faust“-Opern von Spohr, Berlioz, Gounod, Boito, Busoni und eben Schnittke. Was macht diesen Stoff für das Musiktheater so interessant?
Das Musiktheater bezieht sich immer auf die Entwicklung des Menschen. Das faustsche Thema, die Grenzen unserer Erkenntnis und unseres Wissens auszuloten und durch einen Pakt mit dem Teufel diese Grenzen zu überschreiten, ist für Komponisten faszinierend. Viele Musiker haben sich mit Faust identifiziert. Es gibt auch von Wagner eine „Faust“-Ouvertüre und eine Sinfonie von Liszt. Sie wussten, dass sie wie Faust mit höherer Begabung gesegnet sind, was aber auch eine gefährliche Seite hat.
Schnittke bezieht sich weniger auf Goethe als auf das Volksbuch von 1587. Wir erleben Faust nicht als selbstbewussten Wissenschaftler, der die Fesseln der Tradition sprengt, sondern als dunkel-getriebenen Magier, der von Staat und Kirche wegen seiner Verbindung mit dem Teufel verfolgt wird. Warum greift Schnittke auf die ganz alte Überlieferung zurück?
Das hängt mit Schnittkes Verehrung für Thomas Manns „Doktor Faustus“ zusammen. Sein Leben lang hat ihn der Roman, der auch auf den historischen Faust zurückgreift, inspiriert. In dem Buch versucht die Hauptfigur, durch dämonische Infizierung ihre Kreativität zu steigern und neue Kompositionsverfahren zu erfinden, um den Wesenskern des Menschen zu erfassen und zu gestalten. Das war auch immer der Weg Alfred Schnittkes.
Auch die Mephostopheles-Figur ist im Volksbuch, anders als bei Goethe, kein Partner oder Kumpane von Faust. Die Rolle wird in der Oper sogar in einen männlichen und weiblichen Part aufgeteilt. Welchen Plan verfolgt Schnittke damit?
Das Spannende ist, dass beide Figuren mit einem Countertenor und einem Alt die gleiche Stimmlage haben. Durch den männlichen und weiblichen Teil ändert sich die Farbe, aber nicht der Ton. Das bedeutet: Die teuflische Besessenheit hat zwei verschiedene Seiten des Gleichen.
Die Nähe Schnittkes zu Oratorien von Johann Sebastian Bach ist bei dieser Oper nicht zu übersehen. Es gibt einen großen Erzähler-Part und der Chor erhält eine Hauptrolle. Continuo-Begleitung erinnert stellenweise sogar an Werke des Frühbarocks. Warum greift er diese alten Formen auf?
Aus vielen Gründen! Schnittkes Suche nach musikalischen Stilen war ihm sein Leben lang sehr wichtig. Er hat geradezu fanatisch mit modernen Stilen, aber auch mit Stilen der Vergangenheit experimentiert. In der Musik von Heinrich Schütz hat er eine Ähnlichkeit zur Erzählweise des uralten Faust-Stoffes gesehen. Schütz’ nüchterner, trockener, extrem textgeführter Stil gefiel ihm. Eine Oper über ein emotionales Thema in einer nüchternen Erzählart zu schreiben, hat ihn sehr gereizt.
Auf der anderen Seite gibt es auch ganz andere Klänge: Parodistisches, groteske Gesangspirouetten, Tango-Musik und Synthesizer-Effekte. Schnittkes unterschiedliche Techniken werden oft als Polystilistik charakterisiert. Was verbirgt sich dahinter?
Gefühlt gibt es auf fast jeder Seite oder in jeder Szene einen anderen Stil. Grob gesagt sind drei Stile vorherrschend: Zum einen die Schütz-Erzählung im ersten Akt und Rock-Elemente im zweiten Akt. Dieser moderne Einfluss ist seinem Sohn zu verdanken, der Rockmusiker war und ihn wahrscheinlich beraten hat. Im dritten Akt ist er dann nah an einer Bach-Kantate. Hinzu kommt ein wunderbarer Tango-
Effekt für den Schluss mit dem Teufel.
Für diese Neuinszenierung kommt Eva-Maria Höckmayr als Regisseurin erstmals ans Staatstheater Meiningen. Sie möchte einen klaren Gegenwartsbezug herstellen: Fausts intuitiver Spieltrieb, seine Neugierde und seine Lust am Teuflischen wird jetzt durch künstliche Intelligenz genauso bedroht wie damals durch die Kirche. KI kann zu einer seelenlosen Gleichförmigkeit und inneren Leere führen. Die große Sehnsucht nach dem Teufel und individueller Fantasie bleibt auch heute ungebrochen. Was erwartest du dir von dieser Zusammenarbeit?
Wir haben schon eine wunderbare Zusammenarbeit mit der Fassung für diese Produktion begonnen, die sehr intensiv und inspirierend in der Vorbereitung war. Wir haben gemeinsam entschieden, mit dem Bratschenkonzert auch andere Musik von Schnittke einzubinden. Ich bin sehr gespannt auf die Fortsetzung dieser Arbeit.
Das Gespräch führte Dr. Matthias Heilmann, Musiktheaterdramaturg
„Historia von D. Johann Fausten“
Oper in drei Akten und einem Epilog von Alfred Schnittke
Text von Jörg Morgener und Alfred Schnittke
In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln
Musikalische Leitung: GMD Killian Farrell · Regie: Eva-Maria Höckmayr · Bühne: Michele Taborelli · Kostüme: Julia Rösler · Chor: Roman David Rothenaicher · Dramaturgie: Matthias Heilmann · Es spielt die Meininger Hofkapelle.
Matinee: So.,06.09.2026, 13.00 Uhr – Foyer Großes Haus, im Rahmen des Theaterfestes, Eintritt frei
Premiere: Fr., 18.09.2026, 19.30 Uhr – Großes Haus
weitere termine: 20.09., 09.10., 15.11., 29.11.2026, 20.03., 27.03.2027
Einführungen je 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn