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Mary Shelleys „Frankenstein“ als Puppentheater ab 16 Jahren in den Kammerspielen

Richard Rothwell (1800–1868):  Mary Wollstonecraft Shelley
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Richard Rothwell (1800–1868): Mary Wollstonecraft Shelley

Die Anatomie der Einsamkeit

Wie wird totes Material lebendig? In der Regie von Samira Wenzel pulsiert neues Leben durch Mary Shelleys „Frankenstein“ – als Puppeninszenierung für Erwachsene. Premiere ist am 13. Juni 2026.


Es ist die Geschichte einer menschlichen Selbstüberschätzung: Dr. Victor Frankenstein, nicht nur ein hochintelligenter Naturwissenschaftler, sondern zugleich besessen von okkulten und alchemistischen Schriften, will das Geheimnis des Lebens entschlüsseln. Während seine Professoren spotten, gelingt ihm in seinem Privatlabor das Unfassbare: Aus zusammengenähten Leichenteilen erschafft er einen künstlichen Menschen. Doch hatte Frankenstein eigentlich ein besonders schönes Exemplar erschaffen wollen, ist die lebende Kreatur grotesk, verstörend und lässt ihren Schöpfer panisch vor ihr fliehen.

Allein gelassen irrt die Kreatur umher und sucht nach Schutz und Halt. Doch wo immer sie auftaucht, wird sie vertrieben. Alle sehen nur die monströse Erscheinung, niemand kann und will sie verstehen. So bringt sie sich selbst das Sprechen bei, studiert die Menschen aus der Ferne. Doch sie zweifelt am Sinn ihres Daseins. Ablehnung und Einsamkeit treiben sie schließlich zur Gewalt. Als Frankensteins „Mensch“ seinem Schöpfer erneut begegnet, ringt er ihm das Versprechen ab, seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: eine Gefährtin zu bekommen, die genau so ist wie er.

„Frankenstein“, den Mary Shelley mit 19 Jahren eigentlich aus Langeweile schrieb, ist zum Klassiker der Weltliteratur geworden. Der Roman vereint die Originalität und Innovation seiner Geschichte mit romantischen Motiven, die den Geist der damaligen Zeit getroffen haben: der Einzelgänger auf der Suche nach Sinn, unerfüllte Sehnsüchte, das Grauen des Ungewissen, Monster und Mensch, die Grenzen der Wissenschaft. Auch vielen heutigen Themen bietet sich der Stoff regelrecht an, von embryonaler Stammzellforschung – dem Streben nach dem perfekten Menschen –, bis hin zu Künstlicher Intelligenz, die den Menschen schon bald übertreffen könnte.

Auf die schon damals regen Debatten zum „Frankenstein“ folgten Theaterstücke, Nachahmer, Parodien, Filme. Nicht unironisch ist dabei, dass Mary Shelley einen modernen Mythos erschaffen hat, der schnell ein unaufhaltsames Eigenleben entwickelte. Die längst nicht erschöpfte Liste von Filmtiteln des 20. wie 21. Jahrhunderts, die sich „Frankensteins“ annehmen, darf für sich sprechen: Frankenstein, Frankensteins Braut, Frankensteins Fluch, Frankenstein Junior, Mary Shelley’s Frankenstein, Andy Warhol’s Frankenstein, I, Frankenstein, Victor Frankenstein, Lisa Frankenstein oder, nicht zuletzt, Frankenweenie. Viele Remakes oder Neuschöpfungen spielen mit dem mittlerweile gängigen Missverständnis, dass „Frankenstein“ nicht den Wissenschaftler meint, sondern das Monster und erzählen die Geschichte auf diese Weise neu.

Heute gilt „Frankenstein“ als eines der ersten Werke der Science Fiction. Und das, obwohl Mary Shelley sich gerade um die technischen Details ihrer Auferstehungsgeschichte scheinbar wenig bemüht. Sie beschreibt in wenigen Sätzen, wie Dr. Frankenstein nach mehreren Jahren der Forschung nun endlich das Prinzip des Lebens ergründet hat. Nun muss er mit seinen Instrumenten nur noch einen „Funken Sein“ in die tote Materie einhauchen. Doch was sich durchaus lapidar anhören kann, ist eigentlich eine gelungene Technik Shelleys. Denn die Leser werden bewusst im Unklaren gelassen. Der exakte Vorgang bleibt immer Spekulation. Und beim Versuch, die Lücke selbst zu schließen, wird man unweigerlich zum Mitschöpfer.

In der Puppeninszenierung von Samira Wenzel erhält Shelleys Gruselklassiker eine weitere Ebene hinzu. Denn wo Puppen lebensgroß erscheinen und Menschen oft wie bloße Schatten wirken, stellen sich die zentralen Fragen des Stückes umso eindringlicher: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Welche Verantwortung tragen wir für unser Handeln? Und in wem erkennen wir uns wieder? Wir laden Sie ein, mit uns Antworten zu suchen - und wahrscheinlich viele weitere Fragen zu finden.

Henning Bakker, Dramaturg Junges Staatstheater


Frankenstein

von Mary Shelley
Puppentheater ab 16 Jahren

Regie: Samira Wenzel • Ausstattung, Puppenbau: Stefan Wenzel • Komposition: Rudolf Hild • Dramaturgie: Henning Bakker • Puppenspiel: Falk. P. Ulke, Maria A. Albu, Sebastian Putz, Kerstin Wiese
Einspielung der Musik durch die Meininger Hofkapelle unter GMD Killian Farrell

Premiere: SA, 13.06.2026, 19.30 Uhr – Kammerspiele, anschließend öffentliche Premierenfeier
weitere Termine: 21.06., 22.06., 23.06., 30.06., 01.07.2026
Wiederaufnahme 2026/27: 04.11., 06.11.2026, 18.01., 13.02.2027

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