Opulenter Barock: Händels „Flavio, Re de’ Longobardi
Das unbekannte Frühwerk der Londoner Zeit als humorvolle und zugleich tragische Hof-Satire
Georg Friedrich Händels
„Flavio, Re de’ Longobardi“ zählt zu den unbekannten Frühwerken seiner Londoner Zeit. Trotz hochkarätiger Starbesetzung wurde das am 14. Mai 1723 am King’s Theatre am Haymarkt uraufgeführte Werk vom Publikum nur mäßig angenommen und geriet bald in Vergessenheit. In der Neuzeit selten aufgeführt, brachte das Bayreuth Baroque Opera Festival die Oper 2023 als humorvolle und zugleich tragische Hof-Satire heraus, Regie führte der Countertenor Max Emanuel Cencic, der auch eine der Hauptrollen übernahm. Ebendiese Inszenierung feiert samt ihrer opulenten barocken Ausstattung am 23. Oktober Premiere am Staatstheater Meiningen sowohl mit Sängern der Bayreuther Produktion als auch mit Solisten des Meininger Ensembles.
Im Zentrum der Oper steht der impulsive Longobardenkönig Flavio. Er hat es auf die schöne Teodata abgesehen, die sich jedoch heimlich seinem Adjutanten Vitige versprochen hat. Zwischen den Dreien entwickelt sich ein amüsantes Täuschungsspiel. Gleichzeitig wird Flavio eine wichtige politische Entscheidung abverlangt: Wer soll den vakanten Statthalterposten in Britannien übernehmen? Er schwankt zwischen seinen Ratgebern Lotario und Ugone und entscheidet sich aus persönlichen Gründen für Ugone, da er sich ungestört dessen Tochter Teodata nähern möchte. Der Beschluss des Königs entfacht einen fatalen Streit zwischen den Männern. Ungewollt werden auch Ugones Sohn Guido und Lotarios Tochter Emilia Teil dieses Konflikts: Lotario, der sich als der Verdientere sieht, verpasst Ugone im Affekt eine Ohrfeige und verlangt von seinem Sohn Genugtuung. Guido ist hin- und hergerissen zwischen der Wiederherstellung der Familienehre und seinen Gefühlen zu Lotarios Tochter Emilia, die er eigentlich heiraten will. Im Duell verwundet Guido Lotario tödlich und seine Hoffnung auf eine glückliche Zukunft mit Emilia scheint zu zerplatzen .
Schon der Inhalt zu Händels
„Flavio, Re de’ Longobardi“ lässt die Ausnahmestellung dieser Oper erkennen, die weder inhaltlich noch musikalisch der damals üblichen Opera-seria-Form folgt. Es handelt sich vielmehr um eine
„antiheroische Komödie mit tragischen Untertönen“ (Winton Dean) und zugleich um eine Kritik an höfischen Machtstrukturen. Gekonnt verflochtete Händels Librettist Nicola Francesco Haym den auf Matteo Noris
„Flavio Cuniberto“ (1682) und der
„Histora Longobardorum“ (787) basierenden Operntext mit Pierre Corneilles berühmter Tragödie „Le Cid“ (1637) und fügte so den Schlüsselmoment, das Ohrfeigen-Thema, hinzu, das zum Mord führt. Es entstand eine
„scharfe Satire gegen den katholischen Absolutismus“, wie Max Emanuel Cencic 2023 im Interview feststellte.
Ganz bewusst, aber nicht zu direkt, nahmen Händel und Haym Bezug auf reale Persönlichkeiten: Flavio ähnelt in seiner Haltung Charles II. sowie James II. und die beiden Widersacher Lotario und Ugone ließen das Publikum damals an Viscount Bolingbroke, den Führer der Tories, und den zur Whig Partei gehörenden und zum Premierminister aufgestiegenen Robert Walpole denken. Die Familie Bolingbroke war zudem ein perfektes Beispiel für die Korruption und Dekadenz des englischen Königshauses: Bolingbrokes Vater beging im Zuge eines betrunkenen Streits einen Mord, wurde zum Tode verurteilt, aber freigekauft. Dieses Geld floss zum Teil der Mätresse Charles’ II. zu, die Bolingbrokes Cousine war.
Diesen politischen Ränkespielen schenkt Max Emanuel Cencic großes Interesse in seiner Inszenierung, wobei für die
„barocke Pracht der von Corina Grămoșteanu angefertigten Kostüme (...) die Karikaturen und Satiren von William Hogarth (...) Pate“standen.„(Opernglas, Oktober 2023) Durchaus passend, bedenkt man, dass der sozialkritische Maler schon die Uraufführungsbesetzung des
“Flavio„karikierte.
Damals wie heute wartet die Besetzung mit herausragenden Stimmen auf. In Meiningen werden mit Max Emanuel Cencic (Guido) und Rémy Brès-Feuillet (Flavio) zwei Sänger aus Bayreuth zu erleben sein, daneben als Doppelbesetzung die Countertenöre Nicholas Tamagna und Lidor Mesika. Aus dem Musiktheater-Ensemble dürfen Sie sich auf Lubov Karetnikova (Emilia), Keith Klein (Lotario), Tobias Glagau (Ugone), Abongile Fumba (Teodata) sowie Sara-Maria Saalmann (Vitige) freuen. Die Meininger Hofkapelle wird von der französischen Dirigentin und Cembalistin Camille Delaforge geleitet.
Julia Terwald, Musiktheaterdramaturgin
„Flavio, Re de’ Longobardi“
Dramma per musica in drei Akten von Georg Friedrich Händel
Libretto von Nicola Francesco Haym
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Eine Produktion in Kooperation mit dem Bayreuth Baroque Opera Festival
Musikalische Einstudierung: Camille Delaforge • Regie: Max Emanuel Cencic • Co-Regie: Constantina Psoma • Bühne: Helmut Stürmer (†)• Kostüme: Corina Grămoșteanu • Licht-Design: Romain De Lagarde • Dramaturgie: Julia Terwald
mit: Abongile Fumba, Lubov Karetnikova/Katrina Felsberga, Sara-Maria Saalmann; Rémy Brès-Feuillet/Lidor Mesika, Max Emanuel Cencic/Nicholas Tamagna, Tobias Glagau, Keith Klein, Mick Mehnert, Meininger Hofkapelle
Premiere: FR, 23.10.2026, 19.30 Uhr – Großes Haus
weitere Termine: 01.11., 05.11., 22.11., 16.12., 25.12.2026, 16.01., 20.02., 02.03.2027
Einführungen 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Foyer
Matinee: SO, 11.11.2026, 11.15 Uhr – Foyer Großes Haus, Eintritt frei