Simon Werdelis inszeniert Bouchards Psychothriller „Tom auf dem Lande“
In den Schmerz hineinwachsen
In dem 2014 erschienenen und preisgekrönten Theaterstück „Tom auf dem Lande“ (original: „Tom à la ferme“) kommt Tom, ein junger Werbetexter, von der Stadt aufs Land, um der Beerdigung seines durch einen Unfalltod plötzlich verstorbenen jungen Freundes Guillaume beizuwohnen.
Dort lernt er dessen Familie kennen, bestehend aus dem älteren Bruder Francis und der Mutter der beiden, Agathe. Von der ersten Sekunde an zeigt sich, dass Tom hier in ein perfides Konstrukt von Schuldgefühlen und Verdrängung geraten ist. Nach und nach entfalten sich die Abgründe der Lebenslüge, die sich die Familie gesponnen hat.
Toms Anwesenheit ist für Francis in erster Linie eine Bedrohung. Francis wusste um die Homosexualität seines Bruders, er wusste auch um dessen Beziehung zu Tom, aber um Agathe und sich zu schützen, erfindet er eine Alibi-Beziehung, die sein Bruder gehabt haben soll. Denn: „Das ist ein kleines Kaff hier, und alles, was nicht normal ist, kannst Du gleich mal zwanzig nehmen.“
Das Stück thematisiert Homosexualität und die Stigmatisierung, die auf dem Land immer noch schmerzhafter empfunden wird als in der Stadt und meist in Unverständnis mündet und bis zu Ablehnung und Homophobie führt. Francis hat das Gefühl, er muss sich und seine Familie unbedingt schützen und die gesellschaftliche Anerkennung wahren. So geschieht in der Vergangenheit etwas, das ihn im Dorf zum Außenseiter katapultiert, seinen Eltern Angst einjagt (der Vater stirbt bald auf dieses Ereignis hin, vermutlich aus Gram) und den Bruder Guillaume dazu treibt, die Familie zu verlassen und den Kontakt weitestgehend abzubrechen. Dabei kämpft Francis dafür, ein behauptetes Bild von Männlichkeit aufrechtzuerhalten, das mit Toms plötzlicher Anwesenheit infrage gestellt wird.
Gleichzeitig ist Tom für Agathe ein Ersatz des verlorenen Sohnes, wie er in der Bibel steht. Obwohl sie ihn nicht als Partner ihres verstorbenen Sohnes sieht, sondern nur als einen Freund identifiziert, projiziert sie ihre Trauer und Zuneigung nun auf Tom. Ein zusätzlicher Schmerz für Francis, der seit Guillaumes Fortgehen damit zu kämpfen hat, die Schuld an Agathes Verlusten zu bekommen: Erst geht der Sohn, dann stirbt der Mann und sie bleibt mit dem, der alles angerichtet hat, zurück.
Marc Michel Bouchard (geboren 1958) findet eine Sprache, die vom Schweigen dominiert ist: Das Ungesagte zwischen Mutter und Sohn, das Verschwiegen-Gebliebene des Verstorbenen, die Lebenslügen, die sich auf dieses Schweigen aufgebaut haben. Die Eloquenz und Redegewandtheit des Werbetexters Tom wird gebrochen. Erlebt man anfangs im Sinne des Bewusstseinsstroms noch innere Vorgänge Toms, wird seine Sprache immer karger und nähert sich der gebrochenen Sprache des Bruders an. Es gibt nicht viel zu sagen zwischen Francis und seiner Mutter, daher verkümmert die verbale Kommunikation. Gleichzeitig findet hier aber Sprache in höchster Intensität statt, zwischen den Zeilen und dem, was hinter den Worten liegt.
Im Entblättern der Abgründe in dieser Familiengeschichte gerät Tom in einer Melange aus Neugier, Abscheu und Faszination in einen Sog, der ihn immer tiefer zu Francis hin- und in dessen Nöte hineinzieht und in sich selbst Seiten entdecken lässt, die er nie erahnt hätte. So entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Tom und Francis, das beide über sich hinauswachsen lässt in einer nahezu absurden Form zwischen Gewalt und Zärtlichkeit.
„Im Zweifelsfall gewinnt die Chance auf Nähe statt der Angst vor Gewalt“, so beschreibt Regisseur Simon Werdelis die Anziehung zwischen den beiden Figuren. Sie sind wie Magnete, die sich anziehen und im Aufeinandertreffen – der erfahrenen Nähe – sofort wieder abstoßen müssen. Sobald sich einer auf den anderen zubewegt, will er eigentlich schon wieder zurück und kann dennoch nicht anders, kann nicht aus seiner Haut, muss weitermachen, ist in sich gefangen.
Auf die Frage, was die Figuren eint, sagt Werdelis: „Selbstverleugnung“.
Bouchard gelingt es meisterhaft, hier Figuren zu zeigen, die bis zum Äußersten gehen in ihrer Verdrängungsleistung und er zeigt, wie virtuos der Mensch darin sein kann, sich in einer behaupteten Welt einzurichten. Aber wer behauptet sich am Ende dieser Tragödie? Aus wie viel Abgrund, Schmerz, Trauer und Wut kann noch etwas Neues entstehen? Und was ist das dann – Hoffnung?
Deborah Ziegler, Schauspieldramaturgin
Tom auf dem Lande
Schauspiel von Michel Marc Bouchard
Deutsch von Frank Heibert
Regie: Simon Werdelis • Bühne, Kostüme: Max Schwidlinski • Musik: Johannes Mittl • Dramaturgie: Deborah Ziegler
mit: Louise Debatin, Christine Zart; Florian Graf, Matthis Heinrich
Premiere: SA, 23.05.2026, 19.30 Uhr – Kammerspiele
weitere Termine: 26.05., 05.06., 20.06., 26.06., 28.06.2026
Wiederaufnahme 2026/27: 23.10., 28.10., 05.12.2026, 02.01.2027
Einführungen je 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn kostprobe: SA, 16.05.2026, 13.00 Uhr – Kammerspiele, Eintritt frei