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Staatstheater Meiningen widmet Liedermacher Wolf Biermann einen Schauspielabend

Wolf Biermann, Foto: Stefan Schmid
© Stefan Schmid Photographer
Wolf Biermann, Foto: Stefan Schmid

„Der alte Wolf ist zufrieden“

Anlässlich der Uraufführung des Stückes „Biermann – Drachentöter“, geschrieben von dem Autor Martin Heckmanns, antwortet Wolf Biermann – der bisher auf eigenen Wunsch noch keine Zeile des Bühnenstückes gelesen hat – hier vorab auf einige Fragen der Dramaturgin Deborah Ziegler. Viel Freude beim Interview, das in der Februar-Ausgabe unserer Theaterzeitung spektakel erschienen ist.

 

Herr Biermann, 2021 haben Sie Ihren Vorlass der Berliner Staatsbibliothek übergeben, im Juli 2023 wurde in Berlin eine Ausstellung über Sie gezeigt, jetzt erscheint ein Theaterstück in Meiningen und kurz nach der Premiere ist der Kinostart für einen Dokumentarfilm über Sie geplant. Wie fühlt es sich an, eine lebende Legende zu sein?
Solange ich lebendig lebe, muss ich keine Legende sein. Eine Legende, das weiß mancher, kann duften oder riechen oder sogar stinken. Wir Menschenkinder kennen den Weihrauch der Heiligenlegenden, wir kennen den strengen Geruch legendärer Heldengeschichten und wir kennen alle den Gestank einer Lügen-Legende als zynische Geschichtsfälschung. Die massenhafte Möglichkeit, keine Legende zu werden, ist aber, dass ein Mensch weder Gesicht noch Maske hat noch eine Familie, die seiner gedenkt. Die anonymen Opfer werden noch schneller vergessen als die ekelhaft attraktiven Täter. Mein Lieblingsphilosoph Walter Benjamin sprach vom Elend all der Namenlosen im Massengrab.
Ich jedenfalls bin keine Legende, denn noch lebe ich lebendig. Wenn den Theaterleuten in Meiningen jetzt ein interessantes Theaterstück über den deutsch-deutschen Drachentöter gelingt, ist der alte Wolf zufrieden. Ich habe bisher kein einziges Wort vom Meininger „Biermann – Drachentöter“ gelesen. Ich kenne ja nicht mal die Story, die wir im Brechtjargon am BE „die Fabel“ nannten. Ich sah kein Bühnenbild, kein Szenenfoto, also nichts. Ich habe eben, wie meine Mutter Emma es so drollig nannte: „meine eigenen Esel zu kämmen“. Ich bin aber gespannt auf die Premiere.

Den Mythos des Drachentöters haben Sie selbst ins Leben gerufen. 1971 hatte Ihr Stück „Der DRA-DRA. Die große Drachentöterschau“ Premiere an den Münchner Kammerspielen. Damals wurden Fotos aus dem Programmheft zensiert. Heute können wir darüber reden: Wer waren die Drachen damals und wer oder was sind die Drachen heute?
Ich habe in neunzig Jahren Stalin, Hitler, Ulbricht, Putin, Trump erlebt. Seit es Menschen gibt, gibt es auch Drachen: eine Allegorie für Unterdrückung. Der Drache ist ja nur ein poetisches Wort für totalitäre Machthaber, die andere Menschen quälen, ausbeuten, demütigen, missbrauchen. Den Drachen gab’s gewiss schon in der südafrikanischen Steinzeit-Horde so – die patriarchalischen Vorfahren der Tyrannen, Könige, Diktatoren. Aber die Menschen wehren sich, sie wagen immer wieder neu den Widerstand. Und mancher erfolgreiche Drachentöter ist dann selbst auf einer höheren Stufe dieses ewigen Konflikts ein noch schlimmerer Unterdrücker geworden. Manche Normalos bringen es zum Glück nur zum Hausdrachen in der Familie.

Der berühmteste Drachentöter hierzulande ist Siegfried, der nach dem Bad im Drachenblut bekanntlich an nur einer Stelle verwundbar blieb, da ihm ein Lindenblatt zwischen die Schultern fiel. Haben Sie in Drachenblut gebadet? Und wo wäre Ihre verwundbare Stelle?
Dass ich Judenbalg und Kommunistenkind als deutsch-deutscher Dichter überlebt habe, sogar in zwei Diktaturen gleich hintereinander, das kann ja nur Massel sein. Will sagen: Ich hatte mehr Glück als Verstand.

Was möchten Sie kommenden Generationen, den jungen Menschen, die Sie ja mittlerweile eher aus den Geschichtsbüchern im Schulunterricht kennen, gerne sagen?
Lasst euch nicht einschüchtern von kleinen oder großen Drachen. Sorgt dafür, dass ihr im ewigen Streit der Welt die richtigen Freunde und die richtigen Feinde habt. Und dann wird es abermals knifflig: Nicht jeder Andersdenkende darf dein Feind sein. Solche falschen Feinde sind womöglich noch gefährlicher als falsche Freunde. Aber das wäre dann ein raffinierteres Theaterstück.

Deborah Ziegler, Schauspieldramaturgin


„Biermann – Drachentöter“:
FR, 06.03.2026, 19.30 Uhr – Großes Haus

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