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Vom Rausch der Macht: "Mephisto" nach Klaus Mann

Regisseurin Susanne Lietzow, Foto: Christian Kleiner
© Christina Iberl
Regisseurin Susanne Lietzow, Foto: Christian Kleiner

Schauspieldirektor Frank Behnke im Gespräch über Klaus Manns Schlüsselroman

Der Roman „Mephisto“ von Klaus Mann wurde 1936 in Amsterdam geschrieben und ist einer der bekanntesten Romane der Exilliteratur. In den 60er-Jahren wurde er allerdings in der BRD verboten. Wie kam es dazu?
Die Veröffentlichungsgeschichte von „Mephisto“ ist ein Roman für sich. Damals ging es nicht um seinen politischen Inhalt, sondern um eine Zivilklage des Erben von Gustaf Gründgens. Der Roman porträtiert den opportunistischen Schauspieler Hendrik Höfgen und ist unverkennbar an den realen Lebensweg von Gründgens angelehnt. Zuerst erschien der Roman auch nur in der DDR, im Aufbau-Verlag, die westdeutschen Verlage fürchteten rechtliche Konsequenzen. Gründgens’ Adoptivsohn und Alleinerbe klagte 1965 erfolgreich vor dem Oberlandesgericht in Hamburg. Daraufhin wurde das Buch verboten, weil das Gericht die Hauptfigur Hendrik Höfgen als ehrverletzende Verunglimpfung des mittlerweile verstorbenen Gustaf Gründgens wertete.
1971 kam es zur sogenannten „Mephisto-Entscheidung“. Die Klage ging damals bis vor das Bundesverfassungsgericht und das fällte eine Grundsatzentscheidung, die sogar in die deutsche Rechtsgeschichte einging: Die Richter wägten zwischen der Freiheit der Kunst und dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht ab und bestätigen das Verbot, was somit den Schutz der Persönlichkeit auch über den Tod hinaus stärkt. 1981 hat der Rowohlt Verlag trotzdem eine Taschenbuchausgabe herausgebracht, die ein Bestseller wurde. Außerdem gab es die erfolgreiche Verfilmung von István Szabó mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle, dadurch wurde der Roman neu wahrgenommen.

Und heute ist „Mephisto“ als Theaterstück auf vielen Spielplänen wiederzufinden. Ist es das Stück der Stunde?
In gewisser Weise ja, denn Klaus Manns Roman ist wie eine Blaupause für die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Kunstschaffenden. Der Schauspieler Hendrik Höfgen paktiert für seine Karriere mit den Nazis und wirkt wie ein Prototyp für Opportunismus und Anpassung. Er konfrontiert uns mit der Frage, wie wir uns selbst verhalten würden, wenn sich die politische Situation in Deutschland Richtung Autoritarismus drehen würde. Und das war noch nie so greifbar wie im Moment. Höfgen ist dabei alles andere als eine rein böse Figur, sondern er ist ein getriebener, ehrgeiziger Mensch, der sich seine Anpassung an die Nationalsozialisten schönredet. In den Widersprüchen und der inneren Zerrissenheit liegt eine Ambivalenz, die aus Höfgen eine so spannende und gegenwärtige Theaterfigur macht.

Wie viel „Rausch“ steckt in dem Roman?
Es geht um den Rausch der Macht, aber auch des Theaters, des Applauses, den Höfgen in diesem Fall braucht, um sein schlechtes Gewissen zu betäuben. Aber auch wenn Klaus Mann selbst bekanntlich eigene Erfahrungen mit Drogenräuschen gemacht hat: hier bleibt er in der Sprache des Erzählers präzise und sezierend. Klaus Mann gelingt es – ganz im Sinne der Neuen Sachlichkeit – mit der Distanz des kritischen Beobachters aus dem Exil schnörkellos, nüchtern und genau zu analysieren. Außerdem ist die Sprache durchdrungen von beißender Ironie in den Beschreibungen der Nazigrößen. Also, es ist kein rauschafter Roman, sondern vielmehr ein böses, kaltes Buch.

Susanne Lietzow, die das erste Mal in Meiningen Regie führen wird, hat hier in der Besetzung eine überraschende Entscheidung gefällt: Anja Lenßen wird die Hauptrolle spielen – da findet sich eine Parallele zur Oper. Kam daher die Inspiration zu dieser Besetzung?
In der Oper von Schnittke, die ja parallel im Musiktheater probt, wird Mephisto in einen männlichen und einen weiblichen Part aufgeteilt, um die Doppelzüngigkeit und Vielgestaltigkeit des Bösen zu betonen. Der Teufel passt sich stetig an und verführt die Menschen durch Täuschung, Verwirrung und Verlockung. Die Aufspaltung zeigt, dass Mephisto viele Gesichter hat und sein wahres Wesen für den Menschen schwer fassbar bleibt. In der Oper wird das durch eine Altstimme und einen Countertenor zum Ausdruck gebracht. Eine weibliche Besetzung dieser Figur betont auf andere Weise diesen Aspekt und verweist darüber hinaus auch auf die sexuelle Uneindeutigkeit der Figur. Während Gründgens bekannterweise homosexuell war, hat Höfgen in Klaus Manns Roman eine Beziehung zu einer schwarzen Tänzerin. Außerdem ist Geschlechtergerechtigkeit bei den Besetzungen auch im Theater nach wie vor ein großes Thema.

Es geht – vom Titel irreführend – weniger um den berühmten Mephisto-Stoff als eher um eine politische Metapher. Wie ist das zu verstehen?
Der Teufelspackt ist die übergreifende Metapher nicht nur im Faust-Stoff, sondern auch für Klaus Manns Roman und auch für das Leben von Gustaf Gründgens. Höfgen feiert seinen größten Triumph als „Mephistopheles“ in Goethes „Faust“. Genau diese Rolle des Teufels war im realen Leben die Paraderolle von Gustaf Gründgens. Klaus Mann nutzt dieses Detail raffiniert als Sinnbild: Während Höfgen auf der Bühne den Teufel spielt, hat er im wirklichen Leben seine Seele an die Nazis verkauft.

Das Gespräch führte Deborah Ziegler, Schauspieldramaturgin


„Mephisto“
Schauspiel nach Klaus Mann
Fassung von Susanne Lietzow

Regie: Susanne Lietzow • Bühne: Aurel Lenfert • Kostüme: Jasna Bošnjak • Musik: Gilbert Handler • Dramaturgie: Deborah Ziegler

Matinee: So., 20.09.2026, 11.15 Uhr – Foyer Großes Haus, Eintritt frei

Premiere: Fr., 02.10.2026, 19.30 Uhr – Großes Haus
weitere Termine: 08.10., 18.10., 24.10., 14.11., 17.12.2026, 03.01., 19.02., 03.03., 15.06.2027
Einführungen je 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn 

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