Von Abstürzen und Sehn-Süchten: „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“
Regisseurin Gabriela Gillert im Gespräch zu „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“
Gabriela, mit „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ bringst du am 18. April ein international bekanntes und sehr berührendes Zeitdokument auf die Theaterbühne. Was fasziniert dich persönlich an der Geschichte der Christiane F.?
Christiane F. erzählt von so viel mehr als nur von Drogen. Es ist ein Stoff über Sehnsucht, über Identitätssuche und über das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Hinter allem steht dieses Gefühl, einerseits dazugehören zu wollen und andererseits aus allem auszubrechen. Viele Themen von damals sind ja erschreckend aktuell. Die Jugendlichen fragen sich heute genauso: Wer bin ich eigentlich? Wo gehöre ich hin? Und wie halte ich diesen Druck aus?
Der Tatsachenbericht, auf dem das Buch beruht, ist mittlerweile fast 50 Jahre alt. Welche Relevanz hat er 2026 noch in einer Kleinstadt wie Meiningen?
Total viel. Auch wenn wir nicht in Berlin Gropiusstadt der 1970er-Jahre sind und nicht am Bahnhof Zoo stehen, sind die inneren Konflikte geblieben. Vielleicht sehen sie heute anders aus – weniger Heroin, mehr digitaler Druck. Aber dieses Gefühl, nicht zu genügen, sich anpassen zu müssen und nicht alles spüren zu wollen, das gibt es genauso in einer Kleinstadt wie Meiningen.
Welche Passage aus dem Buch hat dich besonders mitgenommen?
Das Konzert von David Bowie. Dieser Abend beginnt so hoffnungsvoll – laute Musik und das Gefühl von Freiheit – und dann kippt es. Christiane beschreibt diesen
unglaublich leeren Schmerz danach und dass sie jetzt einen Schuss will. Man spürt, bis hierhin wäre noch alles möglich gewesen. Aber ich glaube, sie weiß ganz genau, dass sie in diesem Moment etwas Unaufhaltsames in Gang setzt.
Das Stück wird als „partizipative Inszenierung mit Jugendlichen“ angekündigt. Welche Möglichkeiten siehst du darin, Schüler selbst auf die Bühne zu bringen?
Jugendliche sprechen anders, denken neu und haben einen ganz eigenen Zugriff auf Themen wie Leistungsdruck, Anpassung oder Rausch. Diese Perspektive kann man nicht künstlich herstellen. Sie entsteht nur, wenn junge Menschen ihre eigenen Sichtweisen einbringen. Natürlich gibt es auch Risiken. Der Stoff ist schwer und emotional fordernd. Wir tragen eine große Verantwortung den Jugendlichen gegenüber. Aber wir können sie auch so empowern, dass Freundschaft und Zusammenhalt auch ohne Drogen möglich, ja sogar besser erscheinen.
Für dieses Projekt „Rausch“ werdet ihr von „Zur Bühne“, dem Förderprogramm des Deutschen Bühnenvereins, finanziell großzügig unterstützt. Welche Möglichkeiten ergeben sich dadurch?
Für unsere Arbeit bedeutet dieses Fördergeld ein riesiges Glück. Nur dank „Zur Bühne“ haben wir die Möglichkeit, Experten und Künstlern aus ganz verschiedenen Feldern wie Video-Installation, Choreografie, Graffiti Art oder auch Suchtprävention ins Theater einzuladen, um direkt mit den Schülern arbeiten zu können. Es ist von unschätzbarem Wert, wenn wir auf diese Weise Jugendlichen, die schon biographisch einen erschwerten Zugang zu Kunst und Kultur haben, ein bisschen Teilhabe ermöglichen können. Aber es ist ein Austausch. Denn das Theater gewinnt auf der anderen Seite wahnsinnig viele, wertvolle Erfahrungsschätze dazu.
Kannst du uns als Ausblick auf die Premiere am 18. April ein paar inszenatorische Ideen verraten?
Wir erzählen natürlich die Geschichte von Christiane F. – aber nicht als klassische Nacherzählung mit einer einzelnen Hauptfigur im Zentrum. Die Jugendlichen werden zu ihrer Stimme, lassen sie verschmelzen mit ihren eigenen Lebensrealitäten. Wir sehen U-Bahn-Schächte, verschmierte Toiletten, Christianes Zuhause. Aber wir gehen natürlich auch ins „Sound“, diesen legendären Club und Sehnsuchtsort. Und ohne schon allzu viel zu verraten: Die Jugendlichen gestalten die Bühne auch selbst mit!
Die Fragen stellte Henning Bakker, Dramaturg Junges Staatstheater
„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“
Schauspiel nach dem Tatsachenbericht von Christiane F., Kai Hermann und Horst Rieck, ab 14 Jahren
Regie: Gabriela Gillert • Bühne, Kostüme: Helge Ullmann • Dramaturgie: Henning Bakker
Premiere: Sa, 18.04.2026, 19.30 Uhr – Kammerspiele
Termine: 19.04., 28.04., 03.05., 30.05., 31.05., 14.06.2026, Nachgespräche im Anschluss
Das Projekt „RAUSCH“ wird gefördert durch ZUR BÜHNE, dem Förderprogramm des Deutschen Bühnenvereins im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“.


