Cardillac
Oper in drei Akten von Paul Hindemith
Text von Ferdinand Lion nach E.T.A. Hoffmann „Das Fräulein von Scuderi“
Urfassung
In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln
Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ war 1819 die erste deutschsprachige Kriminalgeschichte. 107 Jahre später macht Paul Hindemith mit „Cardillac“ aus dem Stoff einen Opernkrimi nach dem Geschmack der Zeit: ein rhythmusgetriebener 20er-Jahre-Dreiakter von nicht viel mehr als 90 Minuten. „Cardillac“ wird in der Fassung von 1926 in Meiningen exakt 100 Jahre später erstmalig aufgeführt.
In Paris geht ein Serienmörder um, der seinen Opfern den Schmuck abnimmt, den diese zuvor beim angesehenen Goldschmied Cardillac erstanden haben. Keiner ahnt, dass Cardillac selbst der Täter ist, der sich von seiner Kunst nicht trennen kann. Der Goldschmied ist ein Getriebener, dessen mörderischer Wahn sogar den Liebhaber seiner Tochter trifft.
Nicht nur einen düsteren Krimi, sondern mehr noch ein Künstlerdrama schuf Hindemith, der den Fokus auf die Konflikte zwischen der gesellschaftlichen „Normalität“ und dem Anderssein des Einzelnen lenkt. Musikalisch mischt er nüchtern-sachliche Töne mit neobarocken Fugen- und Passacaglia-Formen in einem Wechselspiel von Bewegung und Statik. Mit melodischen Linien und Polyphonie setzt der Komponist in einer widersprüchlichen Zeit auf Mechanisierung und Versachlichung im bewussten Kontrast zum Pathos des aufkommenden Nationalsozialismus.
Musikalische Leitung: GMD Killian Farrell
Regie: Giulia Giammona
Bühne, Kostüme: Susanne Maier-Staufen
Choreografie: Alessandra Bareggi
Chor: Roman David Rothenaicher
Dramaturgie: Matthias Heilmann
Tagesbesetzung
(05.06.2026, 19:30)Musikalische Leitung der Vorstellung: GMD Killian Farrell
Der Goldschmied Cardillac: Shin Taniguchi
Die Tochter: Lena Kutzner
Der Offizier: Roman Payer
Der Goldhändler: Selcuk Hakan Tiraşoğlu
Der Kavalier: Isaac Lee
Die Dame: Tamta Tarielashvili
Der Führer der Prévôté: Tomasz Wija
Chor des Staatstheaters Meiningen
Statisterie des Staatstheaters Meiningen
Es spielt die: Meininger Hofkapelle
Flügel: Noori Cho
Termine
Audio
Aus dem Eingangschor Nr. 1 (Anfang) „Mörder, Mörder! Verborgen! Wo? … “ | Chor des Staatstheaters Meiningen
Aus der Arie der Dame Nr. 5 (Anfang) „Die Zeit vergeht …“ | Dame: Tamta Tarielashvili
Aus dem Duett Offizier/Cardillac Nr. 12 (Anfang) „Ich begehre das Schönste, was Ihr schuft“ | Offizier: Roman Payer, Cardillac: Heiko Trinsinger
Aus dem Quartett Nr. 15 (Mittelteil) „ Des Himmels Huld … “ | Cardillac: Heiko Trinsinger, Offizier: Roman Payer, Tochter: Lena Kutzner, Goldhändler: Selcuk Hakan Tiraşoğlu
Pressestimmen
Giammona ist eine große, junge Begabung der Opernregie, fein und schlau zugleich. Sie ziseliert den Narzissmus im Liebesakt von Kavalier und Dame weiter aus in Posen eines vordigitalen Postings (jeder Schritt wird fotografiert). Sie beschreibt die Arbeitsbesessenheit Cardillacs als ein fast animistisches Verhältnis des Juweliers zu seinem Material.
Killian Farrell schafft Ordnung von klaren Stimmhierarchien im kleinen Orchester von nur 35 Musikern. Dem Bariton Shin Taniguchi als Cardillac bleibt Raum für die vokale Weichheit und Verletzlichkeit eines Künstlers, wodurch dessen Brutalität als Mörder eine ganze andere musikalische Dimension bekommt.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Jan Brachmann, 17.02.2026
Der exzellent in Szene gesetzte Psychokrimi wird ins gesellschaftliche Relevante geweitet, ohne dabei ins Plakative auszuweichen.
Musikalisch ist das Werk eine dezidierte Polemik gegen die Spätromantik, mit nicht allzu großer Besetzung im Graben, dennoch mit einem wuchtig schroffen, heutzutage fast schon eingängigen Ton, den Killian Farrell mit der Hofkapelle in Hochform in einer Melange aus kammermusikalischer Präzision und dramatischem Drive zelebriert.
Die Inszenierung von Giulia Giammona ist ästhetisch stimmig. Die Drehbühne (Susanne Maier-Staufen) wird von riesigen Vitrinen beherrscht. Mal zeigen sie die Kunstwerke, mal die Opfer, mal imaginieren sie die Straßen der Stadt.
Der Meininger Chor ist von Roman David Rothenaicher hervorragend einstudiert und profitiert von der maßgeschneiderten Choreografie von Alessandra Bareggi.
Das exzellente Protagonisten-Ensemble glänzt mit starken Hauptrollen und wird von Shin Taniguchi (Cardillac), Lena Kutzner als dessen Tochter und Roman Payer als dem um sie werbenden Offizier angeführt. Tamta Tarielashvili, Isaac Lee und Selcuk Hakan Tirasoglu lassen in ihren Rollen nichts zu wünschen übrig. Meiningen ist mit dieser Neuproduktion musikalisch ganz und gar auf seinem (exzellenten) Niveau. Und hat obendrein für dieses Schmuckstück der Moderne auch die passende szenische Fassung gefunden!
Thüringer Allgemeine, Joachim Lange, 16.02.2026
Dass der Mob, der jetzt den Mörder lyncht, moralisch nicht wirklich über ihm steht, macht diese Inszenierung in dem dezenten, aber beklemmenden Schlussbild klar. Da ziehen sich nämlich die meisten der gerade noch empörten Bürger Uniformjacken über und signalisieren so selbst Kriegs- bzw. Tötungsbereitschaft. Wer nicht will, wird rabiat und konsequent ausgegrenzt. Das sitzt.
Die Gesamtkunstwerk-Qualität dieser Produktion aus Musik und Szene findet freilich in der vokalen und darstellerischen Eindringlichkeit ihren Ausdruck, mit der sich Shin Taniguchi auf die inneren Abgründe des mordenden Künstlers einlässt und sie nachvollziehbar gestaltet. Lena Kutzner als seine Tochter und (als einziger Gast) Roman Payer als deren Bräutigam liefern dabei die für sich stehende Fassung für dieses Glanzstück. In Meiningen wurde ein Meisterwerk bejubelt, das genau in den richtigen Händen und Kehlen war.
Freies Wort, Roberto Becker, 15.02.2026
In Paul Hindemiths Oper setzt Regisseurin Giulia Giammona die Psychologie der Titelfigur und der Massen in gleichermaßen Beklemmung und Grauen erregende Wechselwirkung. Auch musikalisch läuft dieser packende „Cardillac“ auf Hochtouren.
Der bei diesem Werk dräuenden Gefahr übermäßigen Lärmens wehren Farrell und die Hofkapelle entschieden. Vokal und spielerisch bietet Shin Taniguchi für die Titelpartie eiskalte Expressivität auf. Da stockt das Blut in den Adern. Leuchtkräftig und empfindungsstark bei Stimme und Spiel, sucht Lena Kutzner als des mörderischen Goldschmieds Tochter ihrem Vater wie auch dem geliebten Offizier gerecht zu werden.
Concerti, Michael Kaminski, 14.02.2026
Giammona macht klar, dass Goldgier, Mordgier und Lustgier nicht unterschiedlichen, sondern gleichen Instinkten entspringen. Diese kluge Konzeptleistung verwirklicht sich in sinnfälliger wie zweckdienlicher Dekorationsverpackung.
Zum Meininger Ensemble stößt Roman Payer als einziger Gast in der von ihm konditionsstark wie höhensicher gesungenen Tenor-Partie des Offiziers.
Wieder einmal besticht die Meininger Ensembledynamik. Lena Kutzner gibt eine selbstbewusste Tochter Cardillacs. Sie betont die Vollfrau mit einer dem Vater ebenbürtigen Willensstärke und Gesangspräsenz.
Und was für eine Prachtpartie ist Cardillac für Shin Taniguchi. Meiningen kann sich glücklich schätzen mit diesem sensiblen Sängerdarsteller.
Opern-News, Roland H. Dippel, 14.02.2026
Alle Protagonisten meistern ihre Partien hervorragend, was umso bewundernswerter ist, da das Orchester sehr eigenständig agiert. Dass GMD Killian Farrell Chor, Orchester und Sänger so perfekt aufeinander abstimmt, ist eine Glanzleistung. Nicht umsonst bekommt die Meininger Hofkapelle am Ende tosenden Applaus.
Regisseurin Giulia Giammona legt den Fokus auf das Künstlergenie und die Verehrung durch das Volk. Die Überhöhung zur Kultfigur, die Gier nach seinen Werken überfordern ihn. Interessant ist die zeitweise Präsenz von großen, elsterähnlichen Vögeln, die wohl sein Alter Ego symbolisieren sollen.
Der Opernfreund, Inge Kutsche, 15.02. 2026