Logo Staatstheater Meiningen
Menü

Tom auf dem Lande

Schauspiel von Michel Marc Bouchard
Deutsch von Frank Heibert
empfohlen ab 16 Jahren


„Tom auf dem Lande“, ein Schauspiel des Frankokanadiers Bouchard, entstanden 2010, gilt inzwischen als so etwas wie ein Klassiker queerer Dramatik und ist ein intensives Kammerspiel über Homophobie, Verdrängung, Sexualität und Gewalt.
Tom, ein junger Werbetexter aus der Großstadt, fährt zur Beerdigung seines Partners Guillaume auf einen abgelegenen Bauernhof. Dort muss er feststellen, dass dieser sich seiner Familie gegenüber nie geoutet, vielmehr als Alibi eine Arbeitskollegin aus der Stadt als seine Freundin ausgegeben hat. Die Mutter nimmt Tom als „einen“ Freund herzlich auf, der abweisende Bruder allerdings wusste um das Geheimnis und nötigt Tom, es um jeden Preis zu wahren. Tom, hin- und hergerissen zwischen Trauer, Wut, Verzweiflung und seiner Faszination für die Familie seines toten Freundes, gerät immer tiefer in das Geäst aus Täuschung und Lüge.
Simon Werdelis ist Schauspieler und Regisseur, hat jüngst mit seiner Darstellung von Wedekinds Skandalfigur Lulu am Staatsschauspiel Dresden ebenso Furore gemacht wie mit seinen Inszenierungen. Mit „Tom auf dem Lande“ ist er jetzt erstmals in Meiningen als Regisseur zu entdecken.


Bitte beachten Sie: Der Abend thematisiert Queerfeindlichkeit sowie körperliche und psychische Gewalt.

Regie: Simon Werdelis

Bühne, Kostüme: Max Schwidlinski

Musik: Johannes Mittl

Dramaturgie: Deborah Ziegler

Tagesbesetzung

(26.05.2026, 19:30)

Tom, Geliebter des Verstorbenen: Matthis Heinrich

Agathe, Mutter des Verstorbenen: Christine Zart

Francis, Bruder des Verstorbenen: Florian Graf

Sara, Kollegin von Tom: Louise Debatin

Pressestimmen

Eine sensible Theaterleistung auf Topniveau. Da entsteht und eskaliert zwischen beiden Männern in der Meininger Inszenierung eine mit symbolischer und physischer Schärfe vertiefte Hochspannung. (...) Matthis Heinrich gibt einen Tom, der einen drastischen Perspektivenwechsel auf das Sein durchmacht.

Max Schwidlinskis Vision vom Landleben lässt im dunklen Bühnenraum schaudern: kalte Wände und Böden, Assoziationsflimmern in Grau und Schwarz: Fast kokett spielt Schwidlinski auch mit Phantasien an urbane Playrooms, wenn Tom sich immer mehr Francis (Florian Graf) ausliefert.

Das fulminante Meininger Spielquartett switcht vom beklemmenden Psychorealismus in eine kantige Drastik, wird an entscheidenden Momenten packend lebenswahr und läuft mitunter zu überzeichnender Exaltation auf. (...) Über die Queerness-Thematik hinausgreifend ist dieser 110-Minuten-Abend ein krasses Stück über das Leben schlechthin.

Die Inszenierung riskiert mit hohem Gewinn für das Publikum Homosexualität nicht als Stigma und dennoch in Kontext mit dem christlichen Topos Martyrium. Ein starker Abend.

queer.de, Roland H. Dippel, 24.05.2026

 

Werdelis inszeniert schwingungsreich und sogar geheimnisvoll. Er setzt in den Kammerspielen einen beklemmend nahen und insgeheim werbenden Schlagabtausch der beiden Männerfiguren. Man merkt in der ersten Sekunde, dass auch hinter dem sympathischen Grundleuchten von Mutter Agathe Abgründe lauern.

Man kann sich die durch psychologische Virtuosität starke Inszenierung mit mehr Wissen um die subtilen Verstrickungen und ihre moralischen Systeme – hier das Funktionieren, dort der maßvolle Ausbruch – gut ein zweites Mal anschauen.

Eine Verstörung gleich in den ersten zehn Minuten. Da sehnt sich Tom mit derart erotischer Eindringlichkeit nach körperlicher Nähe mit dem toten Freund, wie das vor einem ganzheitlichen Publikum zum Beispiel in der jungen Frauenliteratur der späten 1980er Jahre mit derartiger Offenheit geschah (wohlgemerkt ohne pornographisches Provokationsgebaren!).

Da geht es neben Sinnlichkeit und Emanzipation auch um den tabulosen Moment von Ekstase und Mysterium, welcher mit genuin theatralen Mitteln viel mehr zu queerer Gleichstellung in der kulturellen Wahrnehmung beiträgt als theoretische Traktate und katechetische Bekenntnisse.

An anderen Stellen ist die Meininger Produktion brutal und tieftraurig, weil weder die nicht gezeigte Natur noch die Menschen in Ordnung sind. Wenn Christine Zart Florian Graf als Sohn Francis von sich stößt, obwohl der doch bei ihr geblieben ist, hat das in der Weichheit auch unwiderrufliche Härte.

Paradoxien, Widersprüche und Brutalität entstehen von außen, aber mehr noch von innen und über Bouchard hinaus. Klamme Ovationen für einen wichtigen Theaterabend.

Die Deutsche Bühne, Roland H. Dippel, 24.05.2026

 

„Tom auf dem Lande“ in Meiningen trifft wie ein Schlag – beklemmend und sehenswert.

Herausgeschleudert aus der Normalität des Alltags begegnen die drei Hauptfiguren sich selbst und dem Substrat ihres bisherigen Lebens. Unaufhaltsam wie in einer antiken Tragödie, beklemmend, bizarr und temporeich wie in einem Psychothriller, weiten sich die Risse unter ihren Füßen, bis sie alle hineinstürzen.

Das Stück geht unter die Haut, weil es unsere Grenzen auslotet und von den extremen Rändern aus unser Innerstes in all seinen Facetten erkennt.

In dieser düsteren Kulisse prallen Matthis Heinrich als „Tom“ und Florian Graf als „Francis“, beide exzellent gespielt, aufeinander wie zwei Gestirne, die ihre Umlaufbahnen verlassen haben. Nichts kann sie halten, auch nicht Christine Zart, die als Mutter ruhig, staunend und auch mal lachend dem Wahnsinn folgt. Man ahnt vom ersten Moment an, dass die beiden Männer an der Wucht dieses Aufpralls zerbersten werden. Doch davor begegnen sie einander in dichtester Intimität und Nähe, nehmen einander die Luft durch Kuss und Erwürgen.

Als auf der Bühne das letzte Wort verklungen ist, klatscht zunächst niemand. Zeit vergeht, die Schauspieler stehen da, völlig erschöpft. Auftauchen. Luft holen. Dann erst setzt der Applaus ein, ernst, laut und entschieden. Das Stück ist kathartisch und absolut sehenswert.

Thüringer Allgemeine, Alexandra Abel, 27.05.2026

 

Bühnen- und Kostümbildner Max Schwidlinski setzt die Geschichte in eine staubtrockene Stallkulisse vor einer grauenschwarzen Lattenwand, in der sich ein Entlüftungsventilator dreht. Johannes Mittls Sounddesign unterstreicht die besonders aufgeladenen Szenen zwischen Tom und Francis.

Tom (Matthis Heinrich) und Francis (Florian Graf) spielen sich im Wechsel von Abstoßung und Anziehung, von Brutalität und Zartheit die Seele aus dem Leib.

Toms Wandel vom erschütterten Menschen zum immer mehr an die Verhältnisse angepassten Wesen ist erstaunlich. Nicht nur das Lügengebäude der anderen zerbricht, auch die eigenen Illusionen von Liebe verschwinden und geben einem Gefühl von Leere Raum.

Christine Zart verleiht der Mutter die Charakterzüge, die einen Menschen prägen, nach einem entbehrungsreichen, tristen Leben, das nie über den nahen Horizont hinausreichen konnte.

Am Ende des (pausenlosen) Stückes erscheint noch Toms Kollegin Sara (Louise Debatin) und bringt mit ihrem Versuch, sich als Geliebte des verstorbenen Sohnes auszugeben, so etwas wie bittere Ironie ins Spiel.

Selbst wenn sich das Publikum auf schockierende Gewaltszenen einstellen und biblische Metaphorik entschlüsseln muss: „Tom auf dem Lande“ gewährt einen radikal offenen Blick in die Abgründe menschlicher, vor allem männlicher Seelen.

Freies Wort, Siggi Seuß, 27.05.2026